Eine Lanze für die Kurzgeschichte
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In einer Zeit, in der Romane immer länger, Serien immer epischer und Bücherregale immer schwerer werden, fristet die Kurzgeschichte ein Dasein als vermeintlich „kleine Schwester“ der großen Erzählungen. Zu Unrecht. Die Kurzgeschichte ist kein bloßes Aufwärmtraining für Autor:innen, kein Lückenfüller zwischen zwei dicken Wälzern. Sie ist ein eigenständiges, kraftvolles Format – und wir sollten sie feiern.
Von Game of Thrones (A Song of Ice and Fire) sind bislang ca. 4.200 Seiten erschienen, der seit langem erwartete Band “Winds of Winter” wird dem noch einmal 1.500 Seiten hinzufügen und dann fehlt “nur noch” der letzte Band, der, wenn der Autor in der Geschwindigkeit wie zurzeit weiter macht, zu seinen (und wohl auch zu meinen) Lebzeiten nicht mehr erscheinen wird.
Ich hatte vor Jahren begeistert mit Patrick Rothfuss’ “Königsmörder Chronik” begonnen – und auch hier geht es nicht weiter. Rothfuss steckt in handfesten Problemen: Manuskriptausbau, psychische Blockaden, Perfektionismus. Dabei ist durchaus Material vorhanden – doch er lässt nicht drucken, weil er es nicht „fertig genug“ findet. Seine Verlags-Editorin vermutet, dass er seit 2014 nichts mehr geschrieben hat. o_O
Also, sag einer nochmal etwas gegen Kurzgeschichten!
Präzision statt Prosa-Überschuss: Die Kurzgeschichte zwingt den Autor zur Präzision. Jedes Wort muss sitzen, jede Szene wirken. Wo ein Roman Umwege gehen darf, muss die Kurzgeschichte geradewegs ins Herz treffen. Diese Verdichtung ist keine Schwäche – sie ist eine Stärke. Wer jemals eine Geschichte gelesen hat, die auf wenigen Seiten die Welt geöffnet und wieder geschlossen hat, weiß, welche Wucht darin steckt.
Labor der Literatur: Die Kurzgeschichte ist das Experimentierfeld der Fantastik, der Science-Fiction, der literarischen Innovation. Hier können Autor:innen spielen, wagen, scheitern – und brillieren. Sie kann ungewohnte Perspektiven einnehmen, komplexe Themen im Miniaturformat erkunden und ungewöhnliche Erzählstimmen ausprobieren, ohne die Leser:innen gleich für hunderte oder tausende Seiten zu binden.
Literarischer Espresso: Eine gute Kurzgeschichte ist wie ein starker Espresso: intensiv, konzentriert, mit langem Nachhall. Sie verlangt keine Zeitinvestition von Wochen, sondern schenkt uns literarische Erlebnisse in der Kaffeepause, auf der Zugfahrt, im Moment zwischen zwei Terminen.
Zeitgemäß wie nie zuvor: In einer Welt voller Push-Nachrichten und ständiger Unterbrechungen sind Kurzgeschichten das ideale Format. Sie passen zu unserem fragmentierten Alltag und fordern uns trotzdem heraus, innezuhalten – für ein paar Seiten, für einen bleibenden Gedanken.
Mein Plädoyer: Leser:innen, entdeckt die Kurzgeschichte neu. Verlage, gebt ihr wieder mehr Raum. Autor:innen, habt den Mut, sie zu schreiben. Die Fantastik, die Science-Fiction, die Literatur als Ganzes – sie alle werden reicher, wenn wir die Kurzgeschichte zurück ins Rampenlicht holen.