Eine fesselnde Kurzgeschichte zu schreiben beginnt mit der Storystruktur

[Fotocredit: Lara Jameson, Pexels]

“Früher”, das meint an den Anfängen meines Schreib-Hobbys, habe ich einfach drauflos geschrieben, losgelegt, Motto: “Gib Gas, Junge, so lange du Zeit hast”. Ich war noch nie ein großer Planer/Plotter, weder bei Urlauben, noch bei Geschichten. Ich schreibe am liebsten auf Sicht, kümmere mich um das naheliegendste Problem. Manchmal hatte ich dann mehr Lust, mit dem Ende anzufangen, oder etwas dem Mittelteil hinzuzufügen. Und dann ein verbindendes Element irgendwo dazwischen zu schreiben. Ich habe immer damit kokettiert, dass meine Kurzgeschichten wie ein Korallenriff wachsen, mal hier, mal da, bis am Ende alles fertig ist. Mein Werkzeug der Wahl war MS Word 2.0 ff.

Wenn ich so eine Geschichte heute in Papyrus Autor lade, sehe ich, dass “fertig” ein relativer Begriff ist – puh! Nicht nur, dass da noch Stunden an Korrekturen vor mir liegen, wenn plötzlich buchstäblich jeder Satz ein Bandwurmsatz ist und Wortdoppelungen wie Pilze aus dem Herbst-Boden schießen. Ich fürchte, auch die Charaktere waren so flach wie Wasa Knäcke, die Dialoge fragwürdig und das Storytelling konfus bis abenteuerlich. Doch andernfalls kann ich ja auch nicht von meinen “bescheidenen Anfängen” (engl.: humble beginning) sprechen.

Auch mir passiert es heute noch zuweilen, dass ich im Überschwang eine Geschichte beginne. Ich weiß ja, wie es losgeht und wie es enden soll und dann ist die Geschichte irgendwann zwar fertig, aber das Storytelling ist für die Tonne, was schade ist. Besser, ich hätte da mal vorher drüber nachgedacht.
Dann heißt es: Aufstehen, Typenrad richten, weitermachen!

Ich möchte euch etwas an die Hand geben, das euren Erfolg beim Schreiben einer Kurzgeschichte zwar nicht garantiert, aber doch die Wahrscheinlichkeit signifikant erhöht, dass da definitiv mehr draus wird als “für die Tonne produziert”, versprochen.

Die 20 Master-Plots nach Ronald B. Tobias (Link) sind allesamt Erzählstrukturen, wie wir sie aus Büchern, Streaming, Kino kennen – alles mehr oder weniger Derivate der Heldenreise nach Joseph Campbell (1904–1987). Auf diese Art entstehen keine Plotlöcher oder Inkonsistenzen in der Erzählung – der Leser wird es danken.

Los geht’s:

Welche oder welchen der 20 Master Plots nach Ronald B. Tobias empfiehlst du für die unten genannte Story-Idee? Stelle mir klärende Fragen, bis du dir zu 95 % sicher bist, dass du die Aufgabe erfolgreich erledigen kannst. Dann lasse mich einen Plot wählen. Schlüssle im Anschluß bitte die Storystruktur gemäß deiner Empfehlung auf. Bitte denke daran, dass es für den Leser fesselnder sein kann, wenn die Geschichte direkt mit Action beginnt.”
„Story-Idee
— mein Prompt für ChatGPT

Als Beispiel diese Story-Idee von mir, aus der die Geschichte “Splitter der alten Götter” wurde:

Haz, eine Kriegerin Týrs, kämpft in einer Tempelruine gegen ein magisch geschaffenes Ebenbild ihrer selbst. Nach langem, vergeblichem Kampf erkennt sie, dass sie sich selbst nicht schlagen kann, und obsiegt erst, als sie jede Strategie loslässt. Doch danach plagt sie der Zweifel: Ist sie die echte Haz oder nur ein magischer Golem? Sie durchquert das Waldland und lebt fortan als Einsiedlerin am östlichen Meer, sammelt und verkauft Bernstein, um zu überleben. Die Dorfbewohner sind der Fremden gegenüber misstrauisch und unfreundlich. Jahre später findet sie am Strand einen uralten Ring, der sie zwingt, einen Steinkreis zu errichten. Eine archaische Gottheit offenbart ihr, dass sie tatsächlich nur ein künstliches Wesen ist, geschaffen aus Chaosmagie. Gebrochen und verzweifelt zieht Haz sich in ihre Hütte zurück, bis ein Angriff feindlicher Dorfbewohner ihre Kriegernatur erneut entfesselt und sie erkennt, dass ihre Identität nicht von ihrer Herkunft abhängt, sondern allein von ihrer eigenen Entscheidung, zu leben.
— Splitter der alten Götter

Meine Antworten:

1) resiliente Heldin, Fokus auf Kampf & Action, das Finale gerne heroisch

2) Inciting Incident, Katalysatoren für den Erkenntnisgewinn, Gottheit ist rein offenbarend

3) Wiedergeburt

4) Kampf gegen Doppelgänger als Cold Open

Die vorliegende Storystruktur ist jetzt wie ein ausgedrucktes Reiseticket mit allen Zwischenstopps – du weißt jetzt, wohin die Reise geht und über welche Stationen. Wenn du mit Papyrus Autor arbeitest, kannst du dir die Struktur auch als Geistertext im Dokument hinterlegen. Und denke immer daran: Nichts ist in Stein gemeißelt, denn du bist es, der die Reise macht. Ich habe z.B. der Protagonistin Haz noch eine große Schattenkatze “Wind” an die Seite gestellt, damit sie nicht immer ins Leere redet – und für den Kampf gegen Dorfbewohner ist sie auch nicht zu unterschätzen. Eine Gefangennahme habe ich weggelassen. Am Ende will sie nicht alle Angreifer töten, doch die Schattenkatze hatte eine andere Agenda.

 

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Bücher, die ich niemals schreiben werde VII