Früher hat mir das Schreiben mehr Spaß gemacht
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Warum mir das Schreiben plötzlich schwer fällt – wo ich doch „nur versuche, alles richtig zu machen“
Früher war Schreiben für mich wie ein Sprung ins kalte Wasser – aufregend, unberechenbar und voller Leben. Ich habe einfach losgelegt. Kein Plot, keine Figurenbögen, keine Frage nach der „zentralen Aussage der Geschichte“. Inciting incident – WTF? Ich hatte eine Idee, ein Gefühl, ein Bild im Kopf (Blogbeitrag) – und los ging’s. Ich tauchte ein, vergaß die Welt. Mit einer Szene vor Augen hat sich alles irgendwie von selbst entwickelt, wie ein lebender Organismus: mal roh, mal stockend, aber immer funkelnd vor Kreativität. In dieser Zeit habe ich die Geschichten gelebt, habe ständig an sie gedacht – bei Autofahrten, unter der Dusche, beim (damals noch manuellen) Abwasch.
Wie habe ich sie genossen, diese Tage und Wochen! Von einem Traum oder einem ins Unreine gedachten Gedanken wie „Ich müsste mal wieder meine Küche defragmentieren“ bis zur fertigen Kurzgeschichte lag oft nur der Zeitraum einer köstlichen, kreativen Woche, die ich selbstgenügsam ausschließlich mit mir selbst verbrachte.
Es waren beileibe keine perfekten Geschichten. Aber trotz ihrer Bandwurmsätze, Wortdoppelungen und eines Überschusses an Fremdwörtern hatten sie eine rohe, kreative Wucht. Ich war beim Schreiben völlig im Flow. Keine Checklisten, keine Technikanalyse, keine Regeln, keine Rücksprache mit einer schlau antwortenden KI – nur der Spaß am Schreiben.
Und heute?
Heute sitze ich manchmal stundenlang vor einem Dokument und frage mich: „Was ist mit dem Handlungsbogen? Ist mein Protagonist dreidimensional genug? Ist dieser Dialog der beste, den ich hinbekomme?“ – und: „Sprechen alle Figuren mit ihrer unverwechselbaren Stimme? Ist der Inciting Incident klar genug? Sind das zu viele Adjektive und Adverbien? Show, don’t tell muss ich sowieso noch prüfen.“ Schlimmer noch: Redigiere ich mir gerade meine schöne Geschichte kaputt?
Und das ist nur die Spitze des Eisbergs.
Wo ist der Spaß geblieben?
Was ist nur passiert?
Auf YouTube gibt es unzählige Videos, die Autor*innen erklären, wie es „richtig“ geht (hier eine klitzekleine Auswahl):
„15 Kapitelüberschriften, die Leser die ganze Nacht wach halten
15 entscheidende Regeln, ob jemand über Ihren ersten Satz hinausliest
10 Strategien für den ersten Absatz
10 Methoden zum Beenden von Kapiteln, um keine Leser zu verlieren
9 Techniken zur Charakterentwicklung, auf die professionelle Autoren schwören
8 Dinge, die Sie aus dem Text heraushalten sollten
8 Schritte, um die Stimme einer Figur zu treffen
8 brutale Tipps zum Überarbeiten, die Ihr Schreiben revolutionieren werden“
Das sind bereits 83 von gefühlten 10.000 Tipps.
Ganz ehrlich? Ich hab mir drölfzig davon angeschaut. Und ja – viele dieser Tipps sind hilfreich. Sie zeigen, was funktioniert, worauf Leser achten, wie man Spannung erzeugt. Sie sind nicht grundlos populär. Natürlich sind viele Regeln doppelt, möglicherweise veraltet oder gelten nicht für alle Genres in allen Kulturkreisen. Doch guter Rat ist mittlerweile Massenware.
Gleichzeitig aber entsteht ein scheußlicher Nebeneffekt: Ich verliere das Vertrauen in meine eigene Stimme. Der kreative Flow stirbt am Überbewusstsein.
Wenn ich nicht einfach drauflos schreibe, sondern mir zuerst ein Handlungsgerüst überlege, komme ich mir beim Schreiben vor wie Piet Mondrian, der nur noch Quadrate mit den vier Grundfarben ausmalt, statt ein vielfarbiges Feuerwerk der Fantasie & Form abzufackeln. Denn je mehr ich weiß, desto mehr plane ich voraus und analysiere während des Schreibens – statt einfach zu schreiben.
Heute, mit all dem, was ich weiß (und das ist nur ein verschwindender Prozentsatz dessen, was es zu wissen gibt), frage ich mich manchmal: „Würde ich so eine Geschichte wie früher heute überhaupt noch beginnen? Oder hätte ich sie erst zu sehr vorgeplant, um sie später dann kaputt zu redigieren?“
Natürlich haben Schreibregeln ihre Berechtigung:
Sie helfen, handwerkliche Schwächen zu erkennen.
Sie bieten Struktur.
Sie machen Texte zugänglicher und professioneller.
Wenn ich aber versuche, alle 666 Regeln gleichzeitig zu befolgen (was, glaube ich, unmöglich ist), macht das das Schreiben überkompliziert. Wende ich sie sequenziell – also nacheinander – an, ist das eher ein lähmend langweiliger Job. Schlimmstenfalls bleibt von dem wilden, fantastischen Stöffchen am Ende etwas zurück, das zwar technisch sauber, aber merkwürdig stromlinienförmig ist.
Leider muss ich sagen: Früher hat mir das Schreiben mehr Spaß gemacht. Doch auf der anderen Seite: Wende ich gar keine Regeln an, wirkt der Text oft chaotisch, naiv, unausgereift. Und spätestens im Lektorat poppt dann alles gleichzeitig hoch – die Lektorin geht einmal mit dem Farbroller über den Text – ups! Es sieht aus wie im Schlachthaus. Meh.
Die meisten Schreibenden wollen besser werden, professioneller schreiben. Aber hier liegt das Dilemma: Je mehr jemand lernt und sich Regeln unterwirft, desto stärker wird das Schreiben zu einem Akt der Selbstzensur – zu einem Job.
Wie finde ich zurück zum Bauchgefühl?
Erst schreiben, dann analysieren? Natürlich kann ich eine Rohfassung schreiben. Erst danach darf der Handwerker ran. Unterm Strich: 20 % Freude, 80 % lähmendes Handwerk. Meh. Da hab ich schon im Vorfeld keinen Bock, überhaupt anzufangen.
Es ist auch möglich, die Regeln als Werkzeuge zu betrachten, nicht als Gesetze: Statt zu denken „Ich MUSS das so machen“, frage ich mich: „Hilft mir diese Regel gerade wirklich? Oder darf ich sie brechen?“ Leider gilt aber: Man sollte idealerweise nur Regeln brechen, die man beherrscht – also: Meh!
Eine Art Fazit
Ich bin kein schlechter Autor, wenn ich nicht „perfekt“ schreibe. Das meiste erschaffe ich ohnehin für mich – nicht zwingend für eine Öffentlichkeit. Mittlerweile bin ich aber oft so fokussiert auf Qualität, Erfolg und Optimierung, dass ich vergesse: Schreiben ist der kreative Flow reiner Schaffensfreude. Es soll roh sein. Es darf wild sein. Es muss nicht perfekt sein. Vielleicht soll es sogar gar nicht perfekt sein – ich bin es ja auch nicht.
Ich muss in diesen Tagen oft an den Film Der Club der toten Dichter denken. Da ließ Mr. John Keating die Schüler in ihrem Lehrbuch ein Kapitel lesen, das beschrieb, wie man den Wert eines Gedichts angeblich mathematisch messen könne – also eine Art Pseudowissenschaft der Poesie. Der Autor dieser Einleitung (fiktiv: Dr. J. Evans Pritchard) schlug darin vor, Gedichte auf zwei Achsen zu bewerten:
- Perfektion der Form (Metrik, Reim, Struktur)
- Bedeutung oder Wichtigkeit des Inhalts.
Das Ergebnis könne man – so der Text – grafisch in einem Koordinatensystem darstellen, um daraus objektiv ableiten zu können, wie „gut“ ein Gedicht sei. Keating ließ die Schüler das vorlesen – und sagte dann sinngemäß: „Exzellent. Jetzt reißen Sie diese Seite heraus.“
Weg von starren Regeln, zurück zum Herzen!
Vielleicht ist das die große Kunst: Mit dem Herzen schreiben. Es genießen. Und sollte ich mich entscheiden, es zu veröffentlichen, dann muss eben der Handwerker ran und es mit dem Kopf überarbeiten. Doch so lange darf der Text roh, wild und ungezähmt bleiben, herumstromern und frei durch die Gestade der Fantasie tollen.
Bis ich ihn domestiziere.
Was denkst du? Welche Erfahrungen hast du mit dem „Wissen-vs.-Bauchgefühl“-Dilemma gemacht?
Schreib’s mir in die Kommentare.