“Wir haben keine Antimemetik-Abteilung”: Roman von Sam Hughes
Bildquelle: Google Gemini
Aus dem Klappentext:
„Willkommen in der Antimemetik-Abteilung!
Ein Antimeme ist eine Idee, die sich selbst zensiert – ein Gedanke, der von Natur aus verhindert, dass Menschen ihn mit anderen teilen wollen oder können. Passwörter zum Beispiel fallen ebenso darunter wie schmutzige Geheimnisse, komplexe mathematische Gleichungen, langweilige Geschichten, zufällige Zahlenkombinationen oder der Inhalt Ihrer Träume. Das sind normale Antimemes.
Anomale Antimemes hingegen sind eine ganze andere Sache. Wie behält man etwas unter Kontrolle, von dem man keine Aufzeichnungen erstellen und an das man sich nicht erinnern kann? Wie kämpft man gegen einen Feind, der sich so perfekt tarnt, dass man nicht einmal mitbekommt, dass man sich im Krieg befindet? Um das herauszufinden, haben wir die Abteilung für Antimemetik [gegründet].
Nein, das ist nicht Ihr erster Arbeitstag hier.“
Es gibt Bücher, die ich gelesen und sofort wieder vergessen habe. Und es gibt (wenige) Bücher, an die ich noch lange denke. „Wir haben keine Antimemetik-Abteilung“ gehört definitiv zur zweiten Kategorie. Vielleicht schreibe ich diese Rezension weil ich (oder etwas?) verhindern will, dass ich vergesse. 😉
Sam Hughes liefert hier keinen klassischen Roman, dazu später. Das hier ist ein Angriff auf die Wahrnehmung und das Gedächtnis. Und auf das Vertrauen in die eigene Realität. Die Grundiee ist so simpel wie verstörend: Es gibt Dinge, die sich dem Erinnern entziehen. Ideen, die verschwinden, sobald man sie denkt. Bedrohungen, die existieren – aber nicht wahrgenommen werden können. Und irgendwo da draußen (oder direkt nebenan?) gibt es eine Abteilung, die exakt dagegen arbeitet. Oder es zumindest versucht, obwohl sie möglicherweise bereits infiltriert ist.
Was dieses Buch so unglaublich interessant macht: Hughes spielt nicht nur mit diesem Konzept – es zwingt dich, es zu erleben. Du liest Passagen zweimal, weil du glaubst, etwas übersehen zu haben. Du blätterst zurück. Du zweifelst. Nicht am Text. An dir. War das gerade schon da? Habe ich etwas verpasst? Oder wurde es entfernt? Die Struktur ist fragmentarisch, fast dossierartig. Berichte, Protokolle, scheinbar lose verbundene Episoden. Teilweise sind Stellen geschwärzt!
Unglaublich.
Und doch zieht sich ein roter Faden durch alles – auch wenn man ihn manchmal nicht greifen kann. Oder nicht greifen soll. Besonders stark ist die Atmosphäre: eine Mischung aus nüchterner Bürokratie und kosmischem Horror. Als hätte Kafka beschlossen, zusammen mit Lovecraft ein paranoides Behördenhandbuch zu verfassen.
Die Figuren sind weniger klassische Charaktere als Ankerpunkte im Chaos. Und das ist Absicht. Identität ist in dieser Welt nichts Verlässliches. Erinnerungen sind es auch nicht. Beziehungen? Fragil. Vielleicht eingebildet. Vielleicht gelöscht. Vielleicht nie da gewesen. Und genau darin liegt die Stärke des Buches: Es nimmt dir die üblichen Sicherheiten. Keine klare Chronologie. Kein verlässlicher Erzähler. Kein Boden unter den Füßen. Stattdessen bekommst du ein Puzzle, bei dem Teile fehlen – und du nicht sicher bist, ob sie jemals existiert haben, oder ob bei dir das Vergessen eingesetzt hat. Das klingt anstrengend. Ist es auch. Aber auf die bestmögliche Weise. Denn wenn es klickt, wenn sich Zusammenhänge andeuten, wenn du begreifst, was hier eigentlich auf dem Spiel steht, dann entfaltet das Buch eine Wucht, die lange nachhallt. Es ist kein Horror, der dich anspringt. Es ist einer, der sich einschleicht. Der bleibt. Der Zweifel sät. Es hat einen langen Nachhall.
Fazit:
Kein Buch für nebenbei. Aber eines voller fantastischer Ideen, das dich nicht mehr loslässt.
Als ich es ausgelesen hatte, verspürte ich den (irrationalen?) Drang, es sofort noch einmal zu lesen.
Das ist schon mehr als ein bisschen verrückt.
Für Autoren, die damit hadern, dass sie zwar Kurzgeschichten schreiben können, sich aber nicht einen ganzen Roman zutrauen:
Denn, was “Wir haben keine Antimemetik-Abteilung” zusätzlich spannend macht: Es ist gar nicht als Roman entstanden. Sam Hughes (alias „qntm“) hat die Geschichte zuerst als lose Kurztexte online im Umfeld der SCP Foundation veröffentlicht – und erst später zu einem Gesamtwerk verdichtet. Das merkt man der Struktur an – aber nicht als Schwäche, sondern als Stärke. Es ist ein Lehrstück darin, wie sich aus Fragmenten ein größeres Ganzes formen lässt, wenn die zugrunde liegende Idee stark genug ist.
Wer also z.B. eine Reihe von Kurzgeschichten hat, die in einem bestimmten Sujet spielen, dann kann es nicht schaden, sich der Mühe des Gedankens zu unterziehen, ob es nicht möglich wäre, diese zu etwas größerem zu machen, als die Summe ihrer Teile.
Sam Hughes ist es vollumfänglich gelungen.