Aufmerksamkeitsökonomie

DER ERFOLG IST EIN WUNDERSCHÖNER VOGEL HOCH OBEN IN EINEM WUNDERSCHÖNEN BAUM
Bild von Ryunosuke Kikuno auf Unsplash

Im November 2025 war ich auf der POTT PHANTASTIKA in Schloss Horst, Gelsenkirchen. Hier stellten sich Dutzende Autorinnen und Autoren phantastischer Genres aus, engagiert, freundlich, präsent. Sie standen hinter ihren Tischen, erklärten mit gefrorenem Lächeln – hofften. Bücher wurden gereicht, Klappentexte paraphrasiert, Visitenkarten verteilt. Hie & da wechselten Buch und Geld ihren Besitzer.


Der Buchmarkt ist umkämpft. Aufmerksamkeit ist knapp, Sichtbarkeit ist eine Währung. Wer verkaufen will, muss also irgendwie auffallen. Lasse dich gegen Geld bei Google bewerben, schreibe alle Personen an, die du kennst, poste bei Instagram, lasse 500 Visitenkarten und 1.000 Lesezeichen drucken, lege Belegexemplare in der Firma aus, starte einen Podcast, lade Youtube-Videos hoch, beginne ein Pinterest-Board, ergänze deine E-Mail-Signatur um flotte Werbesprüche, bastle eine Webseite, fummle an der SEO herum, blogge wöchentlich, halte Lesungen in lokalen Buchläden, verkaufe auf Messen, … explodiere.
— Henning

Vor Ort auf der Messe habe ich das kaum reflektiert. Erst nach Tagen keimte ein unbehagliches Gefühl in mir heran: Weia! So sehe ich meine Zukunft nicht. Es war kein Urteil über die anderen Autoren – das waren gute, kreative, hoffnungsvolle Menschen. Es war der Blick auf mich selbst. Dieser Eifer, dieses unterschwellige „Bitte nimm mich wahr“. Solches Bemühen war ja bereits ein beständiger Teil meiner Kindheit: Die merkwürdig distanzierte Mutter steckte mit ihrem Kopf hinter einem aufgeklappten Buch und ich wurde aktiv ausgeblendet, als existiere ich gar nicht. Wie rang ich darum, gesehen und/oder gehört zu werden! In dieser Rolle möchte ich mich nie mehr wiederfinden – aus Gründen. Zumal mit fast 60 meine Rest-Lebenszeit von Jahr zu Jahr überschaubarer wird und ich diese mit schönen Dingen anfüllen möchte.

Ich will nicht (mehr) um Aufmerksamkeit buhlen (müssen).

In den frühen 90ern habe ich Hermann Hesses „Siddhartha“ (Link) gelesen. Es ist ein stilles Buch, ein grandioses Buch. Das oben eingebettete Bild könne geradezu das Buchcover sein. Da sind keine Jünger, keine Gläubigen. Kein Bannerträger geht Buddha voraus, kein Heer folgt ihm (wie Mohammed), da sind keine jubelnden Massen, die ihn Tag & Nacht wie Brandung umspülen. Es geht in diesem Buch nicht um Aufstieg oder Status, sondern um Bewusstwerdung und Wachstum. Ob das historisch oder romantisch überhöht ist, spielt keine Rolle. Entscheidend ist das Bild: geistige Reifung, Entwicklung geschieht nicht als Salto Mortale-Trapeznummer mit anschließendem brandenden Applaus, sondern leise, im Verborgenen.

Ich habe die Botschaft dieses Buches fast 40 Jahre lang in mir getragen, bis ich sie antizipieren konnte.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, schreibe ich nicht, um Messen oder Massen zu erobern. Ginge es mir um Erfolg, dann würde ich ein Coming-of-Age-Vampir- und/oder Werwolf- und/oder Hexen-Buch schreiben (Beispiel). Oder einen Schwedenkrimi (Beispiel).
Tatsächlich schreibe ich nur, weil etwas aus mir heraus drängt und ich diesem Etwas dabei eine Form gebe, die zufällig das Schreiben ist – weil ich das am besten kann (unmusikalisch, wie ich nun einmal bin – und malen/töpfern kann ich auch nicht). Ich schreibe, was ich möchte, so unfangreich, wie ich es für nötig halte. Nach dem Schreiben fühle ich mich erholt, geläutert. Das Genre ist in der Regel eine Nische innerhalb einer Nebengattung der Phantastik – so what? Doch als Hobby-Autor habe ich einen grandiosen Vorteil: Ich muss ja gar nichts verkaufen, ich kann schreiben, was ich will.

Es ist kein Rückzug, aber ich möchte nicht meine restliche Lebenszeit & Energie in Dauerlächeln, Anbiedern & Klinkenputzen investieren, um einer wie auch immer gearteten Aufmerksamkeitsökonomie genüge zu tun und nach stundenlangem Aufwand 12 weitere Bücher an Frau & Mann zu bringen. Sichtbarkeit in Würde wäre mir schon wichtig. Sie soll nicht aus Bedürftigkeit entstehen. Stattdessen unauffällig zu blühen wie eine Brennnessel sehe ich persönlich nicht als Scheitern an.

Erfol ist schön. Doch ich entscheide für mich, mehr wie Hesses Siddharta zu sein.
Und das ist doch schon eine ganze Menge.

Und hey: Dann werde ich halt in 200 Jahren berühmt.

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Mein Lieblings-SF-Autor: Iain Banks