Artensterben durch Illustratoren?

Quelle: Bild von Felix Rehm, Pexels

Als Kind habe ich schon recht viel Zeit auf den diversen Schößen der Familie verbracht: Mutter, Vater, Onkel und Tanten, Großeltern. Bücher anzuschauen wurde dabei gern gereicht. Und wenn die Kinderbücher irgendwann allesamt zu Ende geblättert gewesen sind, sind die großformatigen Bildbände auf den Tisch gekommen. Zum Beispiel Die Welt, in der wir leben in der Knaur-Volksausgabe (1957), »mit noch nie gesehenen farbigen Bildern«. (So etwas ist 1972 ungefähr das gewesen, was heute das Internet ist.)

Die Welt, in der wir leben ist ein Durchmarsch durch die »komplette Naturgeschichte unserer Erde« und wurde für mich ab Seite 76 richtig interessant: »Die Zeit des Unter-Silurs« mit Riesen-Nautilus (4,5 Meter) im Meeresgewimmel, »Die Zeit der Kriechtiere« mit einem fünfzehnköpfigen Dino-Getümmel. Weiter hat es riesige Klappseiten wie »Die Säugetiere des Miozäns« gegeben, auf denen sich dicht an dicht Dutzende Tiere gedrängt haben, als seien sie eingepfercht gewesen. Weiter hinten hat es eine Doppelseite »Tiere des Waldbodens« gegeben, ein Gewusel ohnegleichen! Wären es nur doppelt so viele Waldbodentiere gewesen, man hätte vor lauter Viechern den Wald nicht mehr gesehen, geschweige denn den Boden! Hier wurde illustriert, wie Wald zu sein hatte!

Irgendwann habe ich kurz darauf im richtigen Leben festgestellt, dass zumindest der Wald, in dem ich mit meinen Eltern spazieren gehen musste, im Gegensatz zu den Abbildungen quasi leblos, entlebt gewesen ist. Beklemmend! Ein Mysterium! Denn eigentlich hätten sich die Waldbewohner doch zu geschlossenen Texturen zusammenfinden, sich quasi übereinander stapeln müssen! Vielleicht sind auch die Anfänge der Öko-Bewegung auf dieses dem Betrachter unheimliche, unbegreifliche Lebensvakuum im Wald zurückzuführen. War das das Artensterben? War das das Waldsterben?

Jahrzehnte haben ins Land ziehen müssen, bis ich begriffen habe, dass es sich hier um ein Missverständnis zwischen dem Illustrator und seiner Leserschaft (moi) gehandelt hat. Das ist nicht irgendwann einmal so gewesen! Was uns die Illustratoren mit diesem Gewühl nämlich haben sagen wollen, war: Es ist schon so, aber doch nicht gleichzeitig, du Depp! Irgendwann hat ein Lurch hervorgelugt, irgendwann ist eine Waldamsel durchs Bild geflogen, irgendwann ist ein Hoppelhase von hier nach da gehoppelt, irgendwann hat hier ein Buntspecht geklopft, und irgendwann ist da auch mal ein äsendes Reh zu sehen gewesen, verteilt auf die Stunden des Tages.
Ach so.

 

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