“Wiederauferstehung” von Kindheitserinnerungen

Faustkeil aus blauem Glas, nachempfunden mit ChatGPT

Als Kind der 70er spielten wir oft als wilde Horde von einem Dutzend und mehr Kindern auf einem damals noch unbebauten Grundstück, das wir „Die Hohe Wiese“ nannten. Gemeint war das hoch wachsende Gras. Das von Hecken umgebene Areal lag in etwa dort, wo heute in Radevormwald der Penny-Markt steht. Eines Tages entdeckte eines der Kinder in der Erde einen zusammengeschmolzenen Klumpen blauen Glases, von der Größe und den Abmessungen in etwa wie ein Faustkeil. Die obere, gerundete Seite war geschwärzt und blasig, doch wenn durch den mittleren Teil Licht fiel, dann war es von einem mystischen, tief ozeanischem Blau. Es war ein Blau, bei dem das Horn eines Ozeandampfers ertönte, wenn man es sah. Wir Kinder hüteten dieses Objekt wie einen Schatz. Doch eines Tages beschloß einer der Jungs, es mit einem Stein zu zertrümmern und alle anderen vor vollendete Tatsachen zu stellen.
Obwohl das nahezu 50 Jahre her ist, kann ich den Verlust des „Schatzes“ noch heute spüren. Es ist schon verrückt, wie wir uns auch schon in jungen Jahren an zufällige Objekte klammern können.

Doch als Autor kann ich Objekte nach Belieben wieder auferstehen lassen, das ist einer der wenigen Vorteile dieser Profession. 😉

Er hatte das Gewusel von Matrosen, Kistenschreinern, botanischen und sonstigen Hilfskräften sowie Trägern hinter sich gelassen. So weit er von der Düne aus den Strandabschnitt überblicken konnte, war alles einsam und verlassen. Zwischen dem blauen Meer und dem wolkenlosen Firmament bildete der Horizont eine scharfe Linie. Die beiden sichtbaren Enden des Sandstrands rechts und links verloren sich in diffusem Dunst. In der Ferne robbten seehundartige Tiere ins Wasser. An diesem Ort waren die Herren der Lüfte Pelagornis: schwarzweiße Seevögel mit dornenartig gezähnten, orangegelben Schnäbeln. Die Untiere waren aufgerichtet so groß wie ein Mann. Sie standen in der auflandigen Brise am Himmel und stießen signalhornartige Rufe aus. Mit ihren kralligen, gelben Augen warfen sie ihm aus der Luft mehr als nur flüchtige Blicke zu. Schnell spannte er den zu diesem Zweck eigens mitgeführten großen, braunen Schirm auf und tarnte sich damit als Schildkröte. Die Laute der Vögel entfernten sich nach einer Weile. Er atmete auf. Niemals zuvor in seinem Leben hatte er einen dermaßen gefährlichen Erdteil besucht. Beschirmt sammelte Andos Maydon hektisch alle intakten Muscheln, derer er habhaft werden konnte. Später las er Seeigel, einige Trilobiten und eine Menge Blasentang auf. Zu jedem Fundstück machte er sich Notizen in seine Kladde. Nahe dem Saum des Meeres fiel ihm im Sand etwas auf. Er hob den Gegenstand auf und reinigte ihn mit Wasser aus der Trinkflasche. Es war ein Stück Meerglas, auch Strandglas, Strandscherben oder Seeglas genannt. Von der Form und Größe her erinnerte es an einen Faustkeil aus Feuerstein. Die eine Seite war gerundet, wie verbrannt wirkend, die andere spitz zulaufend. Das Blau des Glases war tief und dunkel. Als er es gegen das Licht hielt, konnte er im Inneren so etwas wie einen transparenten, vielfach gefältelten Streifen ausmachen. Er trug ihm unbekannte Schriftzeichen. Dabei war er vertraut mit den uralten Ideogrammen der Amphibischen, den orcischen Runen, der Punkt-Bogen-Schrift der Elfen und den alten Schriftsystemen der Menschen. Wie war es also möglich, dass fernab jeder Zivilisation ein solches Artefakt auftauchte? Stammte es gar von einer unbekannten Hochkultur, die noch älter war als die bekannten? Dieser Fund war so dermaßen mysteriös, dass er spontan beschloss, ihn nicht in die Sammlung seines Herrn Kydanias aufzunehmen. Dieses Stück Seeglas landete in seiner Privatsammlung. Auch Jahrzehnte nach dem Fund stand ihm das Ereignis so klar vor Augen, als sei es gestern gewesen. Manchmal zog er die schwere, beschlagene Truhe unter seinem Bett hervor und durchstöberte die Fundobjekte. Der blaue Glaskeil war ihm das liebste Stück. Nicht selten schlief er ein, während er ihn fest an seine Brust gedrückt hielt – wie einen Schatz.
— Aus “Pandrynon, Stadt der Säule”

Siehe auch Blogbeitrag “Über den Umgang mit unwiederbringlichen Verlusten


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